Neue Arbeitswelten für die Digitalisierung!

Sepp Schellhorn   24.09.2017
Kurz (!) vor den Nationalratswahlen wird am Dienstag eine Digitalisierungs-Strategie für den Tourismus vom amtierenden Wirtschaftsminister präsentiert. Einen Vorgeschmack habe ich bereits Mitte September auf den Tourismustagen in Linz bekommen. Ich blieb etwas ratlos zurück. Vielen Teilnehmern ging es ähnlich – wir fühlten uns unverstanden. Und am Abend stieg meine Ratlosigkeit – Unternehmer erzählten mir, dass es selbst 20 km außerhalb von Linz nicht mal mehr eine halbwegs vernünftige WLAN-Verbindung gibt. Was soll dann diese Schlagwortorgie von der Digitalisierung? Wir brauchen zunächst eine vernünftige Infrastruktur.

Neue Arbeitswelten? Sind wir vorbereitet?

Abgesehen von dem Ärgernis über die offensichtliche Themenverfehlung zeigt dieses Beispiel etwas Anderes Drastisches auf: die Bundesregierung verkauft uns die Digitalisierung als Allheilmittel – und wir sind gar nicht darauf vorbereitet. Weil die Infrastruktur fehlt. Nicht nur nicht technisch. Ganz analog. Bei der Arbeitszeitflexibilisierung zum Beispiel. Die ist unabkömmlich für künftige digitale Arbeitswelten.
In einem Dienstleistungssektor wie dem Tourismus ist der Mensch als Dienstleister unverzichtbar und kann nicht durch Roboter oder digitale Dienstleistung ersetzt werden.
Und abgesehen davon: durch meine Kinder kenne ich viele junge Menschen zwischen 20 und 30 Jahren. Die wollen keine Arbeitszeiten wie es das Gesetz vorschreibt, sondern arbeiten, wie es am besten in ihr „smartes“ Leben passt. Also Montag vielleicht 12 Stunden, Dienstag dann 4 Stunden, Mittwoch gar nicht, Donnerstag vielleicht auch noch nicht, dafür wieder Freitag bis Sonntag – mit der Freiheit, diesen Rhythmus in der Woche darauf völlig zu verwerfen. Allein, es geht nicht. Der Arbeitgeber würde dafür abgestraft.

Arbeitszeitflexibilisierung scheiterte an WKÖ

Nun muss man erwähnen, dass eine Einigung für die Arbeitszeitflexibilisierung im Juni an den Sozialpartnern gescheitert ist. Die ÖVP ist hier einmal mehr in die Knie gegangen. Und es ist eine Chuzpe, dass die Digitalisierungsstrategie mit Vertretern der WKÖ präsentiert wird. Jener Organisation die es nicht geschafft hat, die Arbeitszeitflexibilisierung im Interesse der Tourismusbetriebe und allen anderen über 300.000 KMUs in Österreich durchzusetzen.
Zuerst neue Arbeitswelt, dann Digitalisierung.
Was meine ich damit? Simpel: dann arbeiten, wenn Arbeit da ist. In der saisonal geprägten Tourismusbranche sind Nebensaison-Zeiten State of the Art. Das heißt konkret: eine Ausweitung der erlaubten täglichen Höchstarbeitszeit bei einer übers Jahr gleichbleibenden Wochenarbeitszeit. Die in Spitzenzeiten geleistete Mehrarbeit würde also in flauen Wochen durch mehr Freizeit ausgeglichen – zum beiderseitigen Vorteil von Arbeitgebern und Arbeitnehmern. Der Durchrechnungszeitraum für Überstunden sollte dabei ein Jahr betragen.
Das ist übrigens bei den Metallern bereits gang und gäbe und für mich vorbildlich. Das sollte auf alle Branchen umgelegt werden. 
Als Gastronom und Hotelier bleibt es mir seit Jahren verwehrt und ich nehme die eine oder andere Strafzahlung (!) dafür in Kauf.

Digitalisierung erfordert liberale Prinzipien

Viele meiner Mitarbeiter wollen mehr arbeiten, weil sie so durch Zuschläge und Überstunden mehr verdienen. Dürfen sie aber von Seiten des Gesetzgebers (und der Sozialpartner) nicht. Absurd. Keine Freiheit, keine Selbstbestimmung, keine Eigenverantwortung für Leistung.
Da sieht man das Manko an liberalen Prinzipien. Die Digitalisierung hat viel mit liberalen Prinzipien zu tun. Sie ist vielleicht die Chance, den Standort Österreich endlich in die richtige Richtung zu bringen. Allerdings ohne Sozialpartner und arbeitsrechtliche Ideen, die im 20. Jahrhundert stehen geblieben sind.
Statt digitaler RATlosigkeit könnte die künftige österreichische Regierung “Digitalisierung” zum zentralen Thema der österreichischen RATspräsidentschaft machen. Im Sinne des oben Beschriebenen.