Kunst(unter)griff

Sepp Schellhorn   09.10.2017

Die Kunst- und Kulturszene, nein, vielmehr die die darüber befindende Subszene der Funktionär_innen wählt fortwährend und immer schon Disruption als ihr Ausdrucksmittel, ja sieht in ihr eine zentrale Aufgabe, wobei sie übersieht, dass sie in der absoluten Abgeschlossenheit einer Elitenblase lebend, sich noch immer wie in den 50er Jahren durch habituelle Bewertungsschemata hinter enge Mauern zurück zieht.

Aus dieser Warte und vom Elfenbeinturm herab, selbst eingebunkert, leben sie einen altmodischen Elitenbegriff, der das wahre Disruptive – nämlich das „Andere“ – verachtet. Das „Andere“: von außen kommend, selbst erarbeitet, kein Elternhaus, das damals einen sonntags in die Musikverein-Matinee mitgenommen hätte oder auch zu einem Ligeti-Konzert. Kultur-Autodidakt durch viel zuhören, anschauen, mit den Kunstschaffenden reden. Überhaupt reden: Das am liebsten ungefiltert. Nicht beim Kulturkritikbullshitbingo mitspielen. Dann noch Unternehmer sein, „Kapitalist“, am Land, nicht in Wien. Wie passt das zusammen? Gar nicht – was nicht sein darf, soll nicht sein, da muss zugemacht werden.

Gastronom und Kunst

Das geschieht alles mehr oder weniger subtil. Unter „wenig subtil“ fällt mein Porträt der IG Kultur, die eines aller Kultursprecher_innen aller Parteien auf ihrer Seite publiziert hat. Meines beginnt mit dem Satz: „Ein Gastronom und Hotelier ist bei den NEOS Sprecher für Kulturangelegenheiten. Sepp Schellhorn verbindet mit Kunst und Kultur vor allem persönliches Interesse und eine private Kunstsammlung.“ In diesem einen Satz steckt alles, was oben in vielen skizziert ist. Wie kann ein „Gastronom und Hotelier“ es wagen sich mit Kunst und Kultur zu befassen? Ja, gut, lassen wir ihm sein Hobby, sein „persönliches Interesse“, die dieser Unternehmer natürlich in einer – huch – „Kunstsammlung“ kanalisiert.

Seit ich als Abgeordneter Kultursprecher der NEOS bin, werde ich oft mich solchen Vorurteilen konfrontiert. Das ist zum einen der elitären Enge des Kunstbetriebes geschuldet, die in ihrer räumlichen Beschränktheit keine Schublade für mich findet. Zum anderen hat es natürlich mit meiner politischen Überzeugung zu tun. Mein Liberalismus verbietet mir die Kunst- und Kulturpolitik als reines Förderverteilungsfeld zu sehen. Im Gegenteil: Als liberaler Politiker muss ich mir in meinem Tun die Fragen stellen:

  • Was bedeutet aus politischer – und das heißt immer auch aus regulatorischer Sicht – die „Freiheit der Kunst“?

Kunst muss alles dürfen. Die Grenze ist das Strafrecht.

  • Was kann und soll die Politik, der Staat dafür tun?

Möglichst wenig.

  • Wenn der Staat öffentliches Geld im Kulturbereich investiert, geschieht das entlang der Parameter Transparenz, Nachvollziehbarkeit und Effizienz?

Nein. Hier haben wir in Österreich, wie in allen Förderfeldern, gehörig viel nachzuholen. Da fördern Institutionen auf Bundes- und Landesebene das Ähnliche und Selbe – ohne Absprache oder Förderstrategie. Der Rechnungshof bemängelt in wiederkehrender Eintönigkeit die lückenhafte Abwicklung von Fördervergaben.

Hier setze ich an, hier sehe ich als Politiker mein Aufgabenfeld. Und nein, es widerspricht einer liberalen Gesinnung nicht, wenn man grundsätzlich staatliche Förderungen befürwortet. Das ist ähnlich zu argumentieren, wie die Frage, warum eine liberale Partei für staatliche Medienförderung eintritt:

Hochwertiger Journalismus sowie Kunst & Kultur sind meritorische Güter – das heißt, hier geht man von einem Marktversagen aus. Der freie Markt produziert nicht in ausreichendem Maß jene Inhalte, die eine Gesellschaft, eine Demokratie für ihr Funktionieren benötigt – das ist hochwertiger Journalismus zur Meinungsbildung im Medienbereich und im Kunstbereich sind es eben die Strukturen für das Entstehen, den Erhalt und die Zugänglichkeit von und zur Kunst.

Und da sie als Aushandlungs- und Auseinandersetzungsprozess ein ganz wesentlicher Identifikationsbestandteil unseres individuellen und gesellschaftlichen Selbst ist, kann ihr Wirken niemals unterschätzt werden.

Ja zur staatlichen Förderung von Kunst und Kultur!

Soviel zu meinem theoretischen Zugang, der in der praktischen Forderung mündet: Ja, zu einer staatlichen Förderung von Kunst und Kultur – aber, lieber Staat, lass die Finger von ihr! Das, was du gibst, soll in einfacher, schneller, transparenter Vergabepraxis mit starkem Reporting und Controlling passieren. Weg von der intransparenten Kleinteiligkeit und dem föderalen Kompetenzdschungel. Wir müssen als Kulturpolitiker_innen die Politik des reinen Fördergestus hinter uns lassen und uns auf das konzentrieren, was eigentlich eine der schönsten Aufgaben des Politikmachens ist: Rahmenbedingen schaffen, die neue Wege bereitet, auf dass andere sie gehen können.

Für diese Aufgabe ist die Äquidistanz so wichtig – beider Seiten. Dass sie im Österreichischen nicht immer gegeben ist, zeigt ein Blick auf den Sponsor der oben genannten Interessensgemeinschaft: das Bundeskanzleramt.