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Der lange Brief zum kurzen Abschied

Sepp Schellhorn   25.06.2021

Liebe Freunde!
Liebe Unternehmerinnen und Unternehmer!

Ich muss jetzt ein bisschen ausholen, Sie werden gleich verstehen warum.

Ich beende mit heutigem Tag meine politische Tätigkeit und ziehe mich aus all meinen politischen Funktionen zurück. Ich verlasse die politische Arena, weil ich zum einen meine ganze Kraft für meine vier Betriebe und meine MitarbeiterInnen brauche. Wir haben einen massiven Mangel an Fachkräften und ich will jetzt mit meinem ganzen Einsatz an ihrer Seite stehen. Wir alle im Tourismus arbeiten jetzt am Anschlag, gewaltige Herausforderungen kommen auf uns zu.

Zum anderen verlasse ich die Politik auch, weil sie mir meine Kraft als Unternehmer und Arbeitgeber raubt und eine Überdosis an politischem Gift uns Abgeordnete aufzufressen droht. Ich habe so viele Menschen erlebt, die sich in dieser Zeit massiv verändert haben. Und dafür stehe ich nicht zur Verfügung.

Wenn man vielen Menschen begegnet und sich die Wege fürs erste trennen, gilt es sich zu bedanken.
Besonders wichtig sind die Menschen, die mich aushalten mussten: Das ist im Parlament vor allem die Supermanagerin Barbara Hanak, die Inhaltsgeber Armin Hübner, Matthias Pirngruber, Christina Aumayr-Hajek, Lukas Sustala, Günther Oswald, Stephanie Hörmanseder und viele weitere, die meine Wertschätzung genießen.

In der Wirtschaftspolitik bin ich vor allem für die vielen Begegnungen mit all jenen dankbar, die sich nicht aus Angst vor Nachteilen den Mund verbieten ließen. Über die Flut an Bürokratie, über Hilfen, die nicht fließen, oder darüber, wie all jene drangsaliert werden, die gegen das politische System aufbegehren. Ich hatte während meiner Zeit in der Politik über 20 Betriebsprüfungen, ich weiß, wovon ich rede. Mut ist keine Kerntugend in diesem Land, aber es gibt sie, die Mutigen! Für sie habe ich mich sieben Jahre lang eingesetzt und in die Schlacht geworfen.

Allein in der Zeit der Lockdowns habe ich über 400 Gespräche mit UnternehmernInnen geführt und geschätzte 2000 Mails beantwortet. Es waren Geschichten, die mir an die Nieren gegangen sind, weil ich im Gegensatz zu den BerufspolitikerInnen weiß, wie sich die Sorge um MitarbeiterInnen und die betriebliche Existenz anfühlt. Die Angst, dass das eigene Lebenswerk den Bach hinunter geht. Wenn ich mir etwas wünsche, dann, dass die Rolle der UnternehmerInnen mit anderen Augen gesehen wird. Schwarze Schafe gibt es immer, aber das Groß hält dieses Land mit viel Herzblut und Risiko am Laufen.

In der Kulturpolitik liegt mein großer Schmerz
Ich habe ihr in den letzten Monaten zu wenig Aufmerksamkeit gewidmet. Die österreichische Kultur hat keine Politik und hätte sie so bitter Not. Wobei ich engagierte Einzeltäter wie Thomas Drozda hervorheben möchte. Die Kultur braucht einen fairen Rahmen, in dem sich Künstlerinnen und Künstler frei bewegen können. Martin Kušej sei hier als Impulsgeber, als streitbarem und wahrem Freund, gedankt.

Politik aus Haltung und nicht aus Umfrage-Kalkül
Politik macht nur Sinn, wenn man Anliegen und Inhalte vertritt, ob sie in den Umfragen der Wählergunst entsprechen oder nicht. Das war immer mein Leitmotiv. Vor Weihnachten standen wir am Ballhausplatz versammelt, um für die Aufnahme von Kindern und Familien aus Moria zu kämpfen. Dafür danke ich meinen MitstreiterInnen André Heller, Birgit Minichmayr, Ernst Molden, Anna Marboe, Marc Janko, Eva Blimlinger, Thomas Maurer, Josef Hader, Florian Scheuba und vielen anderen mehr.

Das politische Sittenbild in unserem Land mag im Keller sein, aber unsere Zivilgesellschaft hält!

Integration funktioniert, wenn man sie lebt
Ich habe 2015 30 Flüchtlinge am Parkplatz von Bad Gastein empfangen und sie für einige Monate beherbergt. Der Bürgermeister hat gewettert, im Supermarkt wurde ihnen der Einkauf verweigert, aber die positiven Erfahrungen waren stärker. Stellvertretend dafür sei Roland Trettl und Roland Dolschek gedankt, mit denen wir den jungen, motivierten Burschen Kochen und Servieren beigebracht haben. Ein Großteil der Flüchtlinge von damals sind heute im Arbeitsleben, finanzieren ihren Lebensunterhalt und leisten einen Beitrag für unser Land.

Gräben schließen, nicht vertiefen
Ich habe in den sieben Jahren Politik faire MitstreiterInnen quer durch alle Parteien erlebt, darum seien Sie erwähnt: In der ÖVP gilt mein Dank Gernot Blümel. Er hat es eigentlich nicht Not, sich türkise Socken anzuziehen. Er ist wesentlich klüger, als seine Budgets vermuten lassen und er hat Witz. Wir hatten immer eine wertschätzende Gesprächsebene. Bei den Grünen denke ich an die großartige Eva Blimlinger. Ich finde es ewig schade, dass diese kluge Frau nicht Kulturministerin wurde. Wobei ich auch den Austausch mit Staatssekretärin Andrea Mayer als bereichernd erlebt habe. In der SPÖ möchte ich bei meinem Wutbruder an der Wirtschaftsfront, Christoph Matznetter, bedanken. Manchmal übersieht man in seinem lautstarken Auftreten die Nuancen und Tiefe seines Antriebs. Und ein Extradank für so manche Tschick am Josefsplatz …

Bei der FPÖ möchte ich Marlene Svazek hervorheben. Sie hat mich im Salzburger Landtagswahlkampf anfänglich ganz schön ins Schwitzen gebracht. Sie ist jedenfalls eine faire Gegnerin gewesen, der ich alles Gute (wenn auch nicht allzu viele Prozente) wünsche.

Mein besonderer Dank gilt NEOS
Meine tiefe Bewunderung für Matthias, den Impulsgeber. Beate wünsche ich weiterhin viel Beharrlichkeit im Kampf für die Dinge, die zählen: Mensch, Umwelt, Wirtschaft. Wir haben einen eklatanten Mangel an sauberer, korruptionsfreier Politik. NEOS bleibt hier der Stachel im Fleisch.

Danke an meine großartigen Mitstreiter Niki Scherak und Gerald Loacker für den gemeinsamen Weg!

Österreich, seine Menschen und Unternehmen gehören sich selbst. Wir gehören in keine Kammern, in keine Chatgruppen oder Freundeskreise. Österreich, das ist eine Wucht, wenn es sich nicht mit sich selbst beschäftigt, sondern weit aufmacht für Neues und Anderes.

Mein Feuer für das Land brennt weiter – wo ich es noch einsetzen werde, wird die Zeit weisen. In einer liberalen Gemeinschaft ist ein Rückzug selbstbestimmt, ohne Groll und ohne Wadlbeißerei möglich. Das hat uns der Rückzug von Matthias Stolz gezeigt. Diese gute Tradition setze ich fort.

Ich danke auch allen Journalistinnen und Journalisten, für den immer fairen und sachlichen Umgang.

Wenn Sie mögen, bleiben Sie mir gewogen. Danke.

Ihr Sepp Schellhorn