Offener Brief an Bundesministerin Elisabeth Köstinger

Sepp Schellhorn   08.01.2018

Sehr geehrte Frau Ministerin Elisabeth Köstinger,

vorneweg wünsche ich Ihnen alles Gute für Ihre Herkulesaufgabe in den kommenden Jahren. Es wird nicht leicht werden. Dazu wünsche ich mir eine gute Zusammenarbeit und den von Ihnen immer so propagierten Konstruktivismus – positiv und gemeinsam an einer Sache, an einer Idee zu arbeiten.

Nachhaltigkeit und Tourismus sind zwei fundamentale Bereiche die auf den ersten Blick nicht zusammen passen, es tatsächlich aber mehr tun, als die politischen Interessenvertreter in der Vergangenheit zulassen wollten. Diese beiden Bereiche müssen verzahnt funktionieren, damit Wachstum, Wohlstand und Beschäftigung im ländlichen Raum für die Zukunft garantiert sind.

Tourismus & Landwirtschaft: Eine NEOS-Schellhorn Idee

Mich freut vor allem eines: Dass Sie meine Ideen – die Ideen der NEOS – übernommen haben, Tourismus und Landwirtschaft in einem Guss, in einem Uhrwerk zu sehen. Da erinnere ich mich gerne an die Anfangszeit des Landwirtschaftsausschusses zurück, als die Mitglieder der ÖVP dachten: Hier redet der Schellhorn von warmen Eislutschern.

Hinzukommt jetzt auch noch die Klimapolitik. Respekt.

All diese Ansätze habe ich – haben die NEOS – auch bereits im Wahlkampf immer wieder thematisiert und ich bin der festen Überzeugung, darin liegt auch die Zukunft.

Nur dort, wo Tourismus funktioniert, funktioniert auch die Landwirtschaft und somit wird auch der Landflucht ein sehr, sehr starkes Argument entgegengesetzt.

Ich finde es daher großartig, dass Sie, geschätzte Frau Ministerin, hier bei den Titeln einfach “copy & paste” meiner Vision verwendet haben. Jedoch bin ich auch auf Ihre Details bereits überaus gespannt.

Als Unternehmer, vor allem als gelebter Praktiker, habe ich in der Vergangenheit sehr intensiv an diesem Konzept gearbeitet und bin dabei immer wieder an den beharrenden Kräften der WKO und LWK gescheitert. Ganz nach dem Motto “…wenn das nicht von uns ist, dann kann das nichts sein. Wo kämen wir denn dahin…”

Tja, das ist der Unterschied. Ich dachte immer an das Gemeinsame, an das Gestalterische. Die anderen dachten immer an das Bewahrende und an ihre politische Klientel.

Nun sind Sie am Hebel. Dazu habe ich 5 Punkte.

Die 5 Punkte des Sepp Schellhorn

1. Digitalisierung haben alle gern 

Für beide Bereiche ist es enorm wichtig, hier die von Bundeskanzler Kurz erwähnten 5 G zu haben. Der Lungau könnte ein Modellbeispiel sein, wie Tourismus mit Digitalen Arbeitswelten und Landwirtschaft – als “Silicon Valley “Österreichs  – der Landflucht etwas entgegen zu setzen hat. Dazu braucht es die digitale Infrastruktur. Jetzt telefonieren wir in Mauterndorf nur mit einem E nicht mit einem LTE – von Glasfaser bis zum letzten Bauernhof ist da noch gar nicht zu sprechen. Vielleicht ist es aber auch Absicht, dass der Bauer dort vor Ort sich nicht blitzschnell seine viel gerühmten „Eachtling“ (die Erdäpfel) selbst vermarkten kann, sondern lieber Bittsteller bei Bauernkammer und dergleichen bleibt. Wer weiß. Oder dessen Tochter doch lieber von zu Hause Homeoffice machen möchte, ihr dies jedoch aufgrund der fehlenden digitalen Infrastruktur nicht möglich ist. Beim Tourismus geht es hier vor allem um die regionale Wertschöpfung. Die beiden Elemente kommunizieren einfach zu wenig. Im Sinne Ihrer Nachhaltigkeit wäre es enorm wichtig, dass hier auch der ökologische Fußabdruck sehr klein gehalten wird.

2. KMU-freundlichkeit ist Nachhaltigkeit

Es war schon ein erster Schritt, im Regierungsprogramm die Abschreibung wieder in eine Degressive zu ändern. Nur: Wer in der Hotelbranche investiert, und dies hat immer wieder mit sehr hohen Hardwarekosten zu tun, schreibt sowieso nach getätigter Investition keine Gewinne. Meine Empfehlung: Ändern Sie Ihr Vorhaben in eine funktionale Abschreibung. Das ist der größte KMU-Motor, den Sie sich vorstellen können. Auch hier werden die Nebenerwerbsbauern davon profitieren, denn der Tischler, der Bauunternehmer – alle haben danach volle Auftragsbücher. Setzen Sie durch, dass die KMU Finanzierung erleichtert wird. Risikokapitalfinanzierung muss einen Anreiz haben. Bei 890 Mrd. Sparguthaben in Österreich muss es möglich sein, 10 % davon – also 8,9 Mrd. – als Finanzierung für den Mittelstand zur Verfügung zu stellen. Bei den Basel 3 & 4 Kriterien ein ganz wunder Punkt. Nur wenn in den ländlichen Gebieten in den Tourismus investiert wird, entsteht keine Landflucht. Jeder zweite Euro der unmittelbar in den Tourismus investiert wird, kommt der Region zugute.

3. Raumordnung 

Wenn Sie es wirklich ernst nehmen und Politik als Werkzeug zur Gestaltung sehen, dann müssen Sie den Bürgermeistern die Raumordnung wegnehmen. Als letzte Bauinstanz. Ich weiß, es ist schmerzhaft, wenn man nicht unmittelbar seine Klientel bedienen kann – der BGM zum Wähler. Dies hätte uns aber in den letzten Jahrzehnten wahnsinnig viel erspart – Die Supermärkte wären nicht aus dem Boden geschossen wie die Schwammerl.

Hier wurde immer wieder die Gemeinde in den Würgegriff des Arbeitsplatzbeschaffers genommen. Eine völlig absurde Argumentation – denn es entstanden meist nur geringfügig Beschäftigte. Es braucht auf der einen Seite ein Raumordnungsrahmengesetz und auf der anderen Seite ein Konzept zur Stärkung der Ortskerne. Was in Südtirol möglich sein kann, muss auch bei uns möglich sein, wenn es nicht schon zu spät ist. Es gehören die Zentren wieder belebt – mit Fleischhauern und Bäckern. Mit Leben befüllt, das muss Ihr Ansinnen sein, Frau Minister, das muss Ihr großes Bild sein. Nur dann können Landwirtschaft und Tourismus miteinander etwas bewegen.

4. Tourismus neu denken

Die Skandinavier haben es uns vorgemacht. Wieder einmal waren die Schweden Vorreiter. Vor 20 Jahren kannte jeder das Land Schweden nur als Mörrje Bröd und Wasa Knäcke Brot. Heute pilgern die Touristen dort hin, weil eben Schweden eines verstanden hat: Spitzenprodukte zu erzeugen. Und Sie haben den Tourismus dazu eingeladen, dies als Positionierung in der Küche zu verwenden:
Schweden hat sich ein Leitbild entwickelt  “To be a culinary Nation”. Nicht der Tourismus alleine tat dies: Die Landwirtschaft war gerade da maßgeblich daran beteiligt. Das große Bild, die Vision, war es. Das brauchen wir. In der Folge kann man dann auch über die Mittelverteilung von AMA-Genussregionen und anderen Klientelbeschwichtigungsmittel reden. Hier wäre es generell ganz wichtig darüber nachzudenken, wie führen wir ÖW und AMA in der Vermarktung zusammen. Dazu haben Sie jetzt die einmalige Chance. Denn nur gebündelte Werbemittel können den Tourismus und die Landwirtschaft langfristig absichern.

Wo bleibt die kontinuierliche Tourismusforschung? Es fehlen auch Visionen – was will Österreich im Jahre 2050 – da muss man heute anfangen um morgen bestehen zu können.

Es fehlt das klare Bild und die Vision. Gleichzeitig haben wir in Österreich zwei Ebenen der touristischen Bewerbung zu viel! Warum das so ist? Weil wir Tourismus immer noch als Landessache sehen und hier traut man sich auch nicht über die Landeshauptleute drüber. Und natürlich braucht jeder seine Spielwiese.

5. Freizeitgesellschaft versus Dienstleistungsgesellschaft

Uns werden die Fachkräfte ausgehen. Nicht, weil wir so geringe Löhne bezahlen, die Fakten belegen anderes. Weil es nicht mehr angenehm ist am Wochenende zu arbeiten, dann, wenn die anderen Freizeit haben. Das ist ein Mentalitätsproblem. Das faktische Problem ist auch, dass die Mitarbeiter zu viel kosten und dabei zu wenig verdienen. Hier muss alsbald eine dramatische Lohnnebenkostensenkung herbei geführt werden.

Denken wir gemeinsam nach, wie wir Österrreich als Tourismusland wieder nach vorne bringen. Nicht nach Nächtigung gemessen, das wäre zu banal und einfach. Nach Wertschöpfung. Sie haben es in der Hand, Frau Minister. “All in one” sozusagen.

Meine Ideen können Sie gerne weiter verwenden, dann kommt das Land endlich aus dem Stillstand heraus, wenn Sie diese Ideen umsetzen.