Offener Brief zum Abschied aus Landwirtschaftsausschuss

Sepp Schellhorn   19.04.2017

Sehr geehrter Herr Minister Rupprechter,

lieber Andrä,

mit großem Bedauern kann ich – aufgrund unserer Mandatsstärke – nicht mehr dem Landwirtschaftsausschuss beiwohnen.

Mit diesem Schreiben will ich mich bei Dir für die großartige Aufnahme im Landwirtschaftsausschuss, damals im Juli 2014, bedanken.

Ihr, als abgebrühte „LAWI Ausschüssler“, habt sogar einem Gastronomen und Touristiker Fairness aber auch Achtung entgegen gebracht. Eine Achtung, die uns auch bei den hitzigsten Debatten im Ausschuss immer wieder mit einem Handshake aber auch mit dem notwendigen Ernst für die Sache auseinander gehen ließ. Dafür bedanke ich mich.

Nun folgt Karin Doppelbauer nach. Sie ist als Biobäuerin thematisch mehr in der Sache. Sie kennt Quoten und ländliche Entwicklung und beherrscht anhand ihrer Fachkenntnis das Thema Landwirtschaft mit dem kleinen Finger. Nehmt sie bitte so respektvoll in den Ausschuss auf wie damals mich – trotz all der möglichen Gegensätze. Das ist meine Bitte.

Ich habe noch 2 weitere Wünsche.

Landwirtschaft und Tourismus müssen wieder zueinander finden. Obwohl diese beiden Themen in einer Art geschwisterlichen Beziehung zueinander stehen, ist die sachpolitische Entfernung der beiden sehr groß. Das macht leider auch den dringend notwendigen, gemeinsamen Ansatz und Startpunkt so schwer. Jedoch muss dieser getan werden, anderenfalls blüht die Landflucht. Das Dorfsterben. Die Zersiedelung des ländlichen Raumes. Ein so kraftvoller Bereich des österreichischen Selbstverständnisses und der Identität verschwindet durch Visionslosigkeit. Dieser Zustand ist in jenen Gegenden so ausgeprägt, in denen aufgrund fehlender Perspektiven und Egoismen sich nur einer von beiden Teilen entwickeln konnte. Es braucht ein Koexistieren, es braucht das Gemeinsame, das Fundament für ein anständiges und ehrbares Leben in seinem Bereich.

Die aktuelle fehlende Raumordnungsstrategie sehe ich als eines der essentiellsten Hemmnisse in der Entwicklung einer erfolgreichen Tourismusstrategie. Der Ermessensspielraum der Gemeinden gehört massiv eingeschränkt. Wir sehen das bereits tagtäglich, wenn wir in der Salzburger Region durch die Orte fahren: der Ortskern stirbt aus. Am Rande entstehen neue Einkaufs- und Vergnügungszentren. Das regionale Merkmal, das Kolorit, das Alleinstellungsmerkmal der Regionen geht verloren – und damit eine unglaubliche Stärke des österreichischen Tourismus. Daher muss die Raumplanung beim Land angesiedelt werden, welches auch ökologische Aspekte miteinbezieht. Hier schließt sich wiederum der Kreis zur Land- und Forstwirtschaft als unverzichtbarer Partner.

Die zweite Bitte an Dich, geschätzter Andrä, hochgeschätzter Herr Minister, betrifft das Lebensministerium.

Wie wertvoll unser Leben ist und die Achtung vor dem Leben, vor allem in Bezug auf Lebensmittel und Ernährung, sollte im Kindergartenalter, in der Vorstufe, den Kindern. unseren Bürger_innen von Morgen, mitgegeben werden.

Wenn wir nur 10 % der Ausgaben für die AMA dazu verwenden, um ein anständiges Kindergarten- und Schulessen mit österreichischen Lebensmitteln zu produzieren und der Bildung zu diesen Lebensmitteln, dann wäre viel getan. Wir brauchen in Österreich auch eine Essens-Bildung: „Culinary Literacy“ – „Kulinarische Kompetenz“. Eine gesunde Ernährung und das Bewusstsein dafür, bewirkt in weiterer Folge bessere Lebensgewohnheiten, seltenere Krankheitsfälle, ein weniger belastetes Gesundheitssystem. Es stärkt den Einzelnen in seiner individuellen Kreativität und Entfaltung. Die Kinder bekämen, unabhängig von ihrem sozialen Status, nicht nur die beste Ausbildung in den Bildungsinstitutionen, sondern auch beste Ernährung.

Es gilt das Sprichwort: was Hänschen nicht lernt, lernt Hans nimmer mehr. Um hier keinen Fehler zu begehen möchte ich es noch gendern: Was Hansi nicht lernt, lernt Johanna nimmer mehr.

Das, was ich in Schulen erlebe, mit welchem Geld die billigsten Lebensmittel gekauft werden, ist eine Schande für uns und für unsere Produzenten. Da hilft die beste AMA-Marketingkampagne nicht, um die Realität zu vertuschen.

Es heißt Lebensministerium – daher meine so eindringliche Bitte an Dich, hoch geschätzter Andrä, hoch geschätzter Minister Rupprechter.

Zum Abschluss erinnere ich nochmals: nicht eine Verordnung der Herkunftsbezeichnung muss in die gastronomischen Speisekarten. Ganz im Gegenteil sollte man gemeinsam – Land und Forstwirtschaft UND Tourismus – an einem Leitbild arbeiten: to be a culinary nation.

Welche einzigartigen Produkte braucht die Gastronomie, damit sie einzigartig bleibt? In der Geschichte war es immer so, dass die Gastronomie der Vorreiter war und der Handel mit den Wünschen der Kunden nachfolgte.

Daran sollten wir arbeiten. Gemeinsam. Ich stehe dafür gerne zur Verfügung.

Ich danke Dir und wünsche Dir alles Gute.

Dein

Sepp Schellhorn