3. März Brief an Christoph Leitl

Sepp Schellhorn   03.03.2017

 

Sehr geehrter Herr Präsident!

Sie glaubten also in der Tradition von F. J. Strauss eine Aschermittwochrede halten zu müssen. Und zu meiner Freude habe ich einen Platz darin gefunden.

Der Aufforderung im Sinne Joseph Schumpeters zu einer„Schöpferischen oder kreativen Zerstörung“ meines „gutgehenden“ Unternehmens, das Sie in einem Atemzug mit der Wirtschaftskammer nennen, kann ich nicht Folge leisten. Bzw. muss ich hier ein Missverständnis aufklären: im Gegensatz zu meinem Unternehmen, das von Ihnen selbst als gutgehend bezeichnet wird, ist die Wirtschaftskammer ein behäbig agierender und im Stillstand verhafteter Moloch. Kurz darf ich in Erinnerung rufen, was Schumpeter (und damit ich) mit der „schöpferischen Zerstörung“ gemeint hat:

„… {die schöpferische Zerstörung ist ein Vorgang…}, der unaufhörlich die Wirtschaftsstruktur von innen heraus revolutioniert, unaufhörlich die alte Struktur zerstört und unaufhörlich eine neue schafft.“

Als Unternehmer kann ich Ihnen mitteilen: ja, das stimmt. Daher „geht“ mein Unternehmen bzw. gehen meine Unternehmen „gut“. Weil sie sich in einem ständigen Erneuerungs- und Innovationsprozess befinden.

Ich darf Ihnen aber gleichzeitig sagen, was mich und die anderen 329.999 österreichischen  KMUs an diesem Prozess im Sinne Schumpeters zentral hindert: unter anderem die Wirtschaftskammer mit ihrer Zwangsmitgliedschaft und den daraus resultierenden Pflichtbeiträgen. Wenn Sie nämlich meiner Aufforderung zur „schöpferischen Zerstörung“ nachgekommen wären, wäre die Gewerbeordnung drastisch liberalisiert worden, sodass wir nur mehr einen Gewerbeschein ziehen müssten. Auch der Versuch, Fremdleistungen in einem Umfang von 15 bis 30 Prozent ohne Gewerbeschein tätigen zu dürfen, ist nach den jüngsten Informationen völlig daneben gegangen. (Siehe meinen Blog Gewerbeordnung, der Moloch meldet sich zurück)

Aber das können und wollen Sie natürlich nicht. Das würde die WKÖ-Einnahmen reduzieren. Das System WKÖ käme nachhaltig ins Wanken (im Sinne Schumpeters). Ihre Haltung dazu haben Sie relativ präzise formuliert: Sie meinen (Zitat Leitl aus ZIB2) „… dass die Wirtschaftskammer auch von irgendetwas leben muss.

Die Institution, der Sie vorstehen, kann nur deshalb existieren, weil Unternehmer_innen wie ich täglich daran arbeiten, Arbeitsplätze zu halten und zu schaffen, Leistungen zu erbringen, Umsätze zu generieren. Gerade der Tourismus, als die zentrale Säule der österreichischen Wirtschaft, wird von vielen Verordnungen und Maßnahmen der Wirtschaftskammer nicht nur in die Knie gezwungen, sondern muss sich dann auch noch in der Öffentlichkeit mit einem schlechten Image auseinandersetzen (Fachkräftemangel, Arbeitszeitflexibilisierung, Mindestlohn).

Mittlerweile hinterfragen auch Ihre engen Parteifreunde das System der Sozialpartner und damit das System Wirtschaftskammer. Wie zum Beispiel Wirtschaftsminister und ÖVP-Bundesobmann Reinhold Mitterlehner in „Die Presse“ vom 3. März:

Arbeitszeit. Die Sozialpartner sollten beim Ringen um die Arbeitszeitflexibilisierung keine „Klientelpolitik“ betreiben, sondern eine „Standortpartnerschaft“ unter Beweis stellen. Zurzeit machten sie das, was man sonst der Regierung vorwerfe, nämlich streiten. Wenn sie sich bis Juni nicht zur Flexibilisierung einigen, komme eben der „fertige Text“ der Regierung zur Abstimmung ins Parlament.

Ich darf Ihnen daher zum Abschluss im Sinne der Aschermittwoch-Tradition empfehlen: nach der Faschingszeit werden die Menschen dazu aufgerufen, sich auf das Wesentliche zu konzentrieren und ihren Lebensstil bis zum Ostersonntag zu mäßigen. Sie können diese Chance nützen und im Sinne der schöpferischen Zerstörung anfangen, den „Lebensstil“ der WKO und damit die Bedienung Ihrer Klientel zu mässigen.

Ihr Sepp Schellhorn, Eigner von 5 gutgehenden Unternehmen